Schlaflose Nächte in Sitzsäcken: Ein Besuch im Accelerator Frankfurt

Direkt an der Frankfurter Messe liegt der einzige Startup-Brutkasten der Mainmetropole. Im Accelerator Frankfurt lernen echte Gründer, worauf es wirklich ankommt – und beim Neujahrstreffen am ersten Januarwochenende durfte der Alumniverein dort hinter die Kulissen schauen. Als Gastgeber empfing uns der Gründer des Accelerators selbst, Ram Shoham.

Der gebürtige Israeli sieht nicht aus wie jemand, der einen beträchtlichen Teil seiner Zeit mit der Beratung junger Unternehmer verbringt – und er bietet uns gleich das Du an. Im zweiten Stock seines Tech-Quartiers betritt man eine Welt, deren Stimmung an die offenen Bürolandschaften von Google und Facebook erinnert: Die Tische würden zwar auch in ein Großraumbüro passen, als Sitzmöglichkeit stehen jedcoh „Fatboys“-Sitzsäcke herum. Wichtige Telefonate können in kleinen Kabinen mit Flugzeugsitzen geführt werden. Im Kontrast zu der recht bequemen Umgebung steht die harte Arbeit der Startups im Accelerator. Wochenenden sind selten. Es kommt immer wieder vor, dass die Gründer im Büro übernachten. Auch dafür lassen sich die Sitzsäcke kreativ einsetzen.

Die Start-Up Szene in Frankfurt auszubauen und zu prägen, ist Rams Mission. In seinem Heimatland sind Startups in aller Hauptstadt der israelischen Jugend, Tel-Aviv, wo auch er lange gelebt hat. Obwohl es in Israel nur etwas mehr als acht Millionen Einwohner gibt, gibt es im Land 214 Accelerators angesiedelt. Auch in allen europäischen Metropolen gibt es solche Projekte, wobei Ram in Deutschland die Berliner Startup-Szene als gut etabliert und bunt beschreibt. Aber in Frankfurt, Bankenmetropole schlechthin mit 160 Bank-Hauptquartieren, hatte bis vor kurzem keinen einzigen unabhängigen Accelerator. Unverständlich für Ram – schließlich hat inklusive der Nachbarländer Österreich und Schweiz Zugang zu einem Markt mit knapp 100 Millionen Menschen. Also gründete er mit einer Partnerin den Accelerator Frankfurt.

Alle vier Monaten werden hier 8 Startups intensiv auf ein Investorengespräch vorbereitet. Der Fokus liegt im Bereich Finanztechnologie – in Frankfurt am Main bestechend logisch. Ram Shoham sagt gern: „Wenn du scheiterst, scheitere schnell. Scheitern ist nicht final.“ Die Startups aus der der zum Zeitpunkt unseres Besuchs aktuellen Runde hatten sich in einem harten Auswahlverfahren gegen ursprünglich 200 Mitbewerber durchgesetzt. Lediglich 40 wurden von der Leitung des Accelerators mit den potentiellen Investoren besprochen. Dann wurde nochmal die Hälfte aussortiert und der Rest zu Interviews eingeladen. 10 wurden angenommen, zwei sind bei anderen Projekten untergekommen. Wenn das Team nicht zu 100 Prozent hinter dem Projekt steht und einwandfrei funktioniert, lehnt Ram eine Zusammenarbeit ab. „Leidenschaftliche Menschen sind so wichtig. Die meisten Startups scheitern, weil die Leute nicht vollkommen engagiert sind.“ Bis zu 12 Mann arbeiten in einem Team, zwischen 22 und 55 Jahre sind sie alt. Gründen geht also in allen Lebensphasen. Auch wenn Ram sagt, dass es für einen 25-jährigen einfacher ist, alles für 4 Monate stehen zu lassen, als für einen 55-jährigen.

Wenn sich die vier Monate harter Arbeit dem Ende nähern, werden die zehn Projekte den Investoren vorgestellt – im Startup-Jargon „gepitcht“. Die Höchstsumme, die ein Gründerteam bisher einsammeln konnte, liegt bei 3,5 Millionen Euro. Das frühe Gespräch von Ram mit den Investoren sichert ein grundlegendes Interesse an den Projekten – mit dem Ziel später 70% der Projekte zu finanzieren. Einer der „Demo-Days“ fand kurz nach unserem Besuch statt- am 16. Januar. Wir sind gespannt, von den Ergebnissen zu hören.

Dieser Beitrag stammt aus der Feder von Victoria Dehe und wurde von Nándor Hulverscheidt redigiert.

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